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Rede von Andrea Riccardi beim Gedenkzug an die Deportation der Juden Roms
Warum also heute noch in diesem Jahr wieder diese Zusammenkunft? Man könnte sagen, dass wir jetzt andere Probleme haben. Dass es die Probleme der Wirtschaftskrise und des schwierigen Zusammenlebens in den Peripherien gibt. Die Geschichte lässt diese Erinnerung im Grunde genommen verblassen. Wird der 16. Oktober zu einem der Straßenschilder in der Stadt, die an viele Ereignisse erinnern und teilweise unverständlich sind? Wir sind davon überzeugt, dass der 16. Oktober ein Tiefpunkt ist, das bittere Resultat einer dramatischen Geschichte. Es ist die Geschichte eines Landes, das die Freiheit verlor und dem Diskriminierung und Hass gegen die Juden aufgezwungen wurde. Für einige schien es einer Vorbeugemaßnahme zu entsprechen, diesen Hass gegen Juden zu hegen, der schon alt war und die Juden als Fremde, Feinde und ewige Verschwörer gegen unsere Kultur ansah, vor denen man sich schützen musste. Viele dachten, dass die Situation nicht so dramatisch war. Die Diskriminierung wurde aufgezwungen, während viele sie als absurd ansahen. Doch sie konnten nicht sprechen, da die Freiheit fehlte. Es war absurd; es würde vorübergehen, wie viele Narreteien. Dann wurde dem Land der Krieg gegen die Welt aufgezwungen. Schließlich kamen die Deutschen, für die die Tötung eines Juden ein für das Heil ihres Europas verdienstvolles Werk war. Dann kam 1943 nach Tagen voller Konfusion zwischen Hoffnungen und Ängsten der finstere und kalte Morgen des 16. Oktober. Die Verteidigung der italienischen Kultur, die Narretei, die bald vorbeigehen würde, wurde zu einem wahren Drama: zur größten Tragödie Roms im 20. Jahrhundert und darüber hinaus. Über Tausend deportierte Juden; andere viele Monate lang gehetzt wie Tiere. Es kam zu einem Drama, weil man die Freiheit verloren hatte und nicht mehr nach dem Gespür von Gerechtigkeit, Menschlichkeit und eines gemeinsamen Schicksals folgte. An jenem schrecklichen Samstag waren wir Römer getrennt: es gab die Arier und die Juden. Und auch als Gläubige waren wir weit voneinander entfernt. Eine leidvolle Geschichte trennte die Christen, die Katholiken von den Juden durch eine Mauer von Ignoranz, die teilweise zur Verachtung wurde, sodass man sich wenig begegnete und wenig Freundschaft schloss. Durch die Ereignisse jener Monate lernten viele Christen das Gesicht des Juden kennen. Ich glaube, dass manche Juden menschliche Gesichter von Christen kennen lernten. In der Tragödie von 1943-44 endete eine Geschichte von Trennung und Distanz unter Römern, zwischen Christen und Juden. Beim Propheten Obadja lesen wir bedeutungsvolle Worte: "Wegen der Gewalttat an Jakob, deinem Bruder, bedeckt dich Schande, wirst du ausgerottet für immer. Als die Fremden sein Heer gefangen nahmen, als die Feinde seine Tore besetzten... du wurdest wie einer von ihnen. Sei nicht schadenfroh am Tag deines Bruders, am Tag seines Unheils!" (1,10-12). Nach 1943-44 wurde Rom wiederaufgebaut. Auch die Jüdische Gemeinde hat es mutig und ohne lautes Klagen getan. Doch Schritt für Schritt wuchs der Wunsch nach einer neuen Geschichte, und dafür sind wir Zeugen: unter Römern und auch zwischen Juden und Christen. Diese Geschichte entstand in diesem großen Schmerz. Sie geht aus der Scham hervor, als man die Reichtümer dieser Gemeinde, ihre Kinder abtransportierte, als die Fremden ihre Tore besetzten und viele dabei standen. Der 16. Oktober erinnert an die Bedeutung der Gerechtigkeit gegen alle Art von Diskriminierung. Die Anwesenheit des Bürgermeisters gibt diesem Gedenken eine zivile Bedeutung. Dieses Gedenken ist Teil der Chromosomen Roms. Die wachsende Beteiligung vieler beweist, dass die Römer mehr an der Erinnerung beteiligt werden müssen. Für uns ist die Anteilnahme im Schmerz ein Augenblick der tiefen Freundschaft, die die Gemeinschaft Sant'Egidio seit vielen Jahren gegenüber der Jüdischen Gemeinde empfindet. Es ist ein Pfand der Freundschaft, die der Besuch von Benedikt XVI. im Gotteshaus vertiefen wird. Die antisemitische Kampagne hatte 1943 die menschlichen Gefühle gegenüber den Juden geschwächt. Fausto Cohen erzählt, dass er hier am Portico d'Ottavia sah, wie die Juden abtransportiert wurden und wie "eine arme Frau einen Rosenkranz aus der Tasche nahm und zu beten und zu weinen begann, sie murmelte rhythmisch mit ständige bebenden Lippen: armes unschuldiges Fleisch". Diese Frau hatte viel mehr verstanden als viele Führer und Diplomaten, die die Welt kennen. Sie hatte den Wert eines Menschen verstanden. Möge uns diese schmerzhafte Erinnerung in jedem Augenblick immer gerechter und menschlicher machen, in den schönen und schrecklichen, die uns die Zukunft ersparen möge. Möge unser Glaube eine Quelle und ein Schutz für das Gefühl der Menschlichkeit sein. Das ist zumindest unser Wille: menschlich bleiben und Freunde bleiben. |
Vertiefungen
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